Wer wir sind
Warum wir so heißen – oder: Wer war Rosi Wolfstein ?
Rosi Wolfstein: Ein Lebenslauf

Wer wir sind

Die Mitglieder der Rosi-Wolfstein-Gesellschaft engagierten und engagieren sich in unterschiedlichen linken politischen Kreisen, in linkssozialistischen, reformkommunistischen oder grün-alternativen Bewegungen. Sie haben sich am 27. Juni 1991 zusammengeschlossen, um gemeinsamen Zielen zu folgen:

Im allgemeinen geht es ihnen darum, lokale soziale Bewegungen im Wittener Raum zu erforschen, und im besonderen darum, den Lebensweg Rosi Wolfsteins nachzuzeichnen. Diese beiden Ziele schlagen sich auch in der Satzung nieder.

Dabei gibt es – soweit sich sehen lässt – nur wenige Überlappungspunkte zwischen der Wittener Stadtgeschichte und der individuellen Biographie Rosi Wolfsteins – dem Schicksal einer linken Sozialistin in fast einem Jahrhundert deutscher Geschichte. Doch prägte die Auseinandersetzung mit dem deutschen Liberalismus, genauer gesagt: mit dem jüdisch-liberalen Milieu ihres Elternhauses die politische Identität der jungen, nach dem finanziellen Ruin und dem Selbstmord ihres Vaters vom sozialen Abstieg bedrohten Wittenerin.

 

Warum wir so heißen
oder: Wer war Rosi Wolfstein ?

Rosi Wolfstein war eine der bekanntesten Politikerinnen der Weimarer Republik – eine Frau, eine deutsche Internationalistin jüdischer Herkunft, eine linke radikale Demokratin. Sie verkörpert in zweierlei Weise die Identitätsproblematik der linken demokratischen SozialistInnen in Deutschland.

Erstens verdeutlicht ihr Lebensweg, wie schwer es für die linken demokratischen SozialistInnen gewesen ist, in Deutschland eine politische Heimat zu finden. Der unversöhnlichen Grundhaltung des Staates gegenüber der sich emanzipierenden Arbeiterschaft im Kaiserreich folgte schon bald die zunehmende Isolierung der Sozialdemokratie und der demokratischen Linken in der Weimarer Republik, während die bürgerlichen Parteien die Aushöhlung und Zerstörung der demokratischen Republik seit 1930 duldeten oder gar aktiv betrieben. Dann der Untergang von Weimar und die in sinnwidriger Weise sogenannte "Zeit der Illegalität", in der das nationalsozialistische Unrechtsregime KomunistInnen und SozialdemokratInnen zu Staatsfeinden erklärte und sie durch seine terroristische Verfolgungs- und Vernichtungspraxis in den Widerstand oder ins Exil zwang. Schwierig blieb auch das Verhältnis der LinkssozialistInnen zur Bundesrepublik Deutschland, von deren Gestaltung sie zunächst ausgeschlossen blieben.

Zweitens verdeutlicht ihr Lebensweg, wie schwer es für die LinkssozialistInnen gewesen ist, in den Arbeiterparteien eine politische Heimat zu finden. Der politische Lebensweg Rosi Wolfsteins führte sie auf einer lebenslangen Suche nach einer sinnvollen Einheit von Organisation und Politik, von Form und Inhalt, durch nicht weniger als fünf verschiedene Organisationen der Arbeiterbewegung. Das Urteil eines ihrer Leidensgenossen im New Yorker Exil, Henry Jacoby, – "Sie wollte und konnte nie etwas Halbes tun" – unterstreicht die für Rosi Wolfstein charakteristische Potenz, objektive politische Entwicklungen zu erkennen und konsequent zu handeln. Für sie wie für viele andere LinkssozialistInnen gab es am Ende der Weimarer Republik in den großen Arbeiterparteien keine politische Heimat mehr. Die innere Zerrissenheit der Sozialdemokratie, ob sie sich primär als Oppositions- oder als staatstragende Partei definieren sollte, und die immer offenere und bedingungslosere Anlehnung des Parteikommunismus an sein gleichermaßen selbstgewähltes wie zugewiesenes sowjetisches Vorbild ließ zwischen diesen beiden großen Strömungen der Arbeiterbewegung eine Vielzahl von Klein- und Kleinstorganisationen entstehen, die mit dem Anspruch antraten, die übergreifende Organisation der Linken zu sein. Nach zahlreichen, letztlich missglückten, weil politisch einflusslosen Formierungsversuchen kehrten viele LinkssozialistInnen, darunter auch Rosi Wolfstein und ihr Lebensgefährte Paul Frölich, zur Sozialdemokratie zurück.

Geradezu illustrativ für die mannigfaltige Identitätsproblematik der LinkssozialistInnen in und mit der deutschen Geschichte steht der Name Rosi Wolfsteins. Denn in der Literatur, aber auch in den Erinnerungen derer, die sie noch gekannt haben, hat Rosi Wolfstein nicht bloß einen Namen: Die einen kannten sie als Rose, die anderen als Rosi Frölich, manche noch unter dem, was man, die Unreife vor der ehelichen Verbindung unterstellend, als "Mädchen"-Namen bezeichnet: Wolfstein. Geboren wurde sie in Witten als Alma Rosalie Wolfstein. In ihren Hagener Jahren schon stand sie unter dem Vornamen Rosa in den Adressbüchern. In der Duisburger Polizeiakten hieß sie Rosi, aber auch Rosie, in anderen Akten auch wieder Rosa Wolfstein. Rosa Luxoemburg schrieb 1918 an "meine liebe Rosi". Im Gründungsprotokoll der USPD von 1917 hieß sie Rosi Wolffstein, in den preußischen Landtagsakten wird sie als Rosi Wolfstein geführt. Um im Exil politisch und publizistisch gegen den deutschen Faschismus arbeiten zu können, musste sie sich ein Pseudonym zulegen: Martha oder auch Marta Koch. Vermutlich im New Yorker Exil änderte sich die Schreibweise ihres Vornamens in Rose, wohl wegen der leichteren Aussprache im Englischen. Ebenfalls in New York heiratete sie sechzigjährig und trug seitdem den Namen ihres Mannes Paul Frölich. Zurückgekehrt nach Deutschland scheint es, als habe sie sich keineswegs für Rosi oder Rose entschieden: In Briefköpfen aus den siebziger Jahren heißt es Rose Frölich, unterzeichnet hat sie jedoch mit Rosi Frölich.

Wer also war Rosi Wolfstein? – Jede Antwort auf diese Frage muss vorläufig bleiben. Es kommt in der deutschen Geschichte geradezu einer Archäologie gleich, die Trümmer demokratischer Identitäten von den Bleigewichten historischer Überlagerungen zu befreien und die Erinnerung aus dem Schutt des Verdrängten zu bergen (Alfons Söllner). Fragen an die Geschichte zu stellen, bedeutet, Orientierungshilfen für gegenwärtiges Handeln zu suchen, neue Identitäten zu stiften. Darum geht es der Rosi-Wolfstein-Gesellschaft: demokratische Traditionslinien in der deutschen Geschichte aufzuspüren, um sich an ihnen orientieren zu können. Insofern gefällt sie sich auch nicht darin, musealen Neigungen nachzugehen. Zwar betreibt auch sie Geschichte von unten, Alltagsgeschichte, jedoch nicht um ihrer selbst willen. Die Arbeiten der Rosi-Wolfstein-Gesellschaft sollen dazu dienen, sowohl Dokumente über scheinbar längst vergangene und fremd gewordene Ereignisse zu veröffentlichen, als auch mit ihnen an aktuelle und bekannte Erlebnisse und Erfahrungen anzuknüpfen mit der Absicht, auf ein historisch fundiertes, im positiven Sinne: traditionsbewusstes Selbstverständnis heutiger LinkssozialistInnen hinzuarbeiten.

Rosi Wolfstein-Frölich: Ein Lebenslauf

Die Kaufmannstochter Alma Rosali Wolfstein wird am 27. Mai 1888 in das jüdisch-bürgerliche Milieu Wittens hineingeboren. Sie besucht das städtische Lyzeum und ergreift den Angestelltenberuf. Hier lernt sie die unwürdige Behandlung der Arbeiter durch selbstherrliche Arbeitgeber, aber auch ein aufgeklärt liberales Milieu kennen, welches sie schon zu Beginn ihres Erwerbslebens so nachhaltig prägt, dass sie sich der Sozialdemokratie anschließt. Ein eher zufälliges Zusammentreffen mit Rosa Luxemburg 1910 beeindruckt die junge Parteiaktivistin sehr – eine Freundschaft entsteht.

Rosi Wolfstein verschlägt es 1914 auf der Suche nach einer Anstellung nach Duisburg. Schon zu Beginn des Ersten Weltkriegs nimmt sie als Mitglied des Kreisvorstandes der SPD engagiert Stellung gegen die Burgfriedenspolitik ihrer Partei. Als Parteilinke wird sie Mitglied der Duisburger Spartakusgruppe, die sie 1917 auf dem Gründungsparteitag der USPD vertritt. Zugleich organisiert sie die oppositionelle Parteijugend. Mehrfach wird sie verhaftet. In der Novemberrevolution 1918 wird sie in den Düsseldorfer Arbeiter- und Soldatenrat gewählt, und als Delegierte der dortigen Spartakusgruppe wird sie 1918/19 Mitbegründerin der KPD in Berlin.

Im Laufe des Jahres 1919 rückt sie in die führenden Kreise der KPD auf. Im Sommer 1920 reist sie nach Petrograd und Moskau, um am 2. Weltkongress der Kommunistischen Internationale teilzunehmen. Als Mitglied der KPD-Zentrale übernimmt sie 1921 die Leitung der Parteiverlage. Im gleichen Jahr für die KPD in den Preußischen Landtag gewählt, wird sie im Verlaufe der Legislaturperiode stellvertretende Fraktionsvorsitzende.

1924 legt sie aus Protest gegen die ultralinke Politik der Fischer-Maslow-Führung ihre Parteifunktionen nieder. Sie wird Lektorin im Malik-Verlag und arbeitet zusammen mit ihrem späteren Ehemann Paul Frölich an der Herausgabe der Schriften Rosa Luxemburgs. Die KPD schließt sie Anfang 1929 als "Rechtsabweichlerin" aus. Sie organisiert sich in der KPO, mit deren Minderheit sie 1931/32 zur SAP überwechselt.

Im März 1933 emigriert sie nach Belgien, 1936 nach Paris. Hier wird sie Mitglied der SAP-Auslandsleitung und schreibt für zahlreiche Blätter der norwegischen und schweizerischen Arbeiterpresse sowie für Pariser Emigrantenblätter. Unter dem Pseudonym Mart(h)a Koch unterzeichnet sie den Aufruf "Bildet die deutsche Volksfront!", steht jedoch in deutlicher Opposition zur Politik der KPdSU und besonders zu den stalinistischen Schauprozessen in der Sowjetunion.

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wird sie in französichen Lagern interniert, kann aber 1941 mit Hilfe eines Notvisums zunächst nach Martinique, schließlich in die USA gelangen. Sechzigjährig heiratet sie in New York ihren langjährigen Lebensgefährten Paul Frölich. Beide engagieren sich in den Nachkriegsjahren in amerikanischen Wohlfahrtsverbänden.

Ende 1950, Anfang 1951 kehren sie nach Deutschland zurück und lassen sich in Frankfurt am Main nieder. Beide treten sie wieder der SPD bei. Rosi Frölich, wie sie nun heißt, engagiert sich bei der Gründung der Deutschen Journalistenunion. Paul Frölich stirbt 1953, Rosi Frölich überlebt ihn um 34 Jahre. Am 11. Dezember 1987 stirbt auch sie in Frankfurt am Main.

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Letzte Änderung am 01.11.2006
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