Veranstaltungen
oder Was wir machen

Die Rosi-Wolfstein-Gesellschaft bietet, sofern es in den Kräften ihrer Mitglieder steht, neben den monatlichen Mitgliederversammlungen regelmäßig Diskussionsveranstaltungen und Radtouren an, außerdem präsentiert sie sich auf verschiedenen Informationsveranstaltungen im Ruhrgebiet.

Diskussionsveranstaltungen, die alljährlich meist im Mai/Juni anläßlich des Geburtstages von Rosi Wolfstein stattfinden, kreisen sowohl um aktuelle als auch historisch-politische Themen. Bislang fanden u.a. folgende Diskussionen statt:

  • 25. Juni 1993: Diskussion über Rosi Wolfstein mit Helga Grebing und Klaus Kinner
  • 18. Juni 1994: Politisches Engagement in Umbruchperioden (mit Dieter Nelles)
  • 27. Juni 1999: (R)emigrantin Rosi Wolfstein (mit Hermann Weber)
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    Die Radtouren, die mindestens einmal jährlich stattfinden, verbinden das gemeinsame Radfahren mit historischen oder kulturhistorischen Themen. U.a. fanden Radtouren zu folgenden Themen statt:

  • Auf den Spuren des Kapp-Putsches I (Wetter – Witten – Hattingen – Essen-Steele)
  • Auf den Spuren des Kapp-Putsches II (Dorsten – Kirchhellen – Bottrop)
  • Auf den Spuren des Kapp-Putsches III (Dortmund und Hörde)
  • Kennen Sie Friedrich Engels? (Witten – Wuppertal-Barmen)
  • Leben im Revier (Dortmund-Mengede – Castrop-Rauxel – Herne – Herten – Wanne-Eickel)
  • Maggi – einst Zaubertrank der Römer? Leben, Arbeit und Essen zwischen Haltern und Nordkirchen (Haltern – Lüdinghausen – Nordkirchen)
  • Jede Menge Kohle. Die Abfahrer unterwegs (Lünen – Cappenberg – Bork – Selm – Waltrop – Dortmund-Mengede)
  • Reise in ein unbekanntes Land: Auf den Spuren der Polen in Witten
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    Außerdem haben wir

  • in einer szenischen Lesung den Briefwechsel zwischen Rosi Wolfstein und dem Zentralwahlkomitee der KPD aus dem Jahre 1920 vor Publikum dargeboten
  • die Gesellschaft auf dem Tag der Geschichte des Ruhrgebiets im Gasometer Oberhausen vorgestellt
  • die Gesellschaft auf der Geschichtsmesse im Rahmen des 1. Wittener Kulturmeilenfestes vorgestellt
  • Stadtrundgänge auf den Spuren Rosi Wolfsteins in Witten angeboten
  • Rosi Wolfstein im Rahmen eines Gedenkrundganges (siehe unten) aus Anlass des 50. Jahrestages der Befreiung vom Nationalsozialismus vorgestellt
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    "Es gibt mehrere Wahrheiten"

    Rede zum 8. Mai 1995

    Beitrag der Rosi-Wolfstein-Gesellschaft zum Gedenkrundgang in Witten am 7. Mai 1995 (50 Jahre Befreiung vom Nationalsozialismus)

    Sehr verehrte Damen und Herren,
    im Namen der Rosi-Wolfstein-Gesellschaft, Witten, möchte ich Sie hier am Hause Poststraße Nr. 12 willkommen heißen. In kurzen Stichworten möchte ich Sie mit der heute nahezu vergessenen Sozialistin Rosi Wolfstein bekannt machen, die in diesem Hause als Kind jüdischer Geschäftsleute 1888 geboren wurde.

    Rosi Wolfstein war eine bedeutende Politikerin und Repräsentantin der deutschen Arbeiterbewegung vor und zur Zeit der Weimarer Republik; solange, bis die Nationalsozialisten Sozialdemokraten und Kommunisten zu Staatsfeinden erklärten und – neben vielen anderen – auch Rosi Wolfstein ins Exil trieben. Ihr politischer Lebensweg veranschaulicht mehr als vieles andere, in welch dramatischer Lage und in welch krisenhaftem Zustand sich die Arbeiterbewegung zu Beginn des Jahrhunderts befand, zeigt aber auch, wie energisch und engagiert Rosi Wolfstein sich diesen Problemen stellte.

    1908 der SPD beigetreten, arbeitet sie – in der Tradition ihrer aufbauenden Vätergeneration stehend – schon bald im Vorstand mit, wo sie für Frauen- und Jugendfragen verantwortlich ist. Zur Kriegspolitik der Partei gerät sie in Opposition und beteiligt sich 1917 an der Gründung der USPD. 1918/19 gehört sie zu den fünf weiblichen Delegierten auf dem Gründungskongress der KPD und übernimmt bald zentrale Parteiämter.

    Rosi Wolfstein ist mit Rosa Luxemburg befreundet und verwaltet nach deren Tod ihren politischen Nachlass. 1920 diskutiert sie in Petrograd mit Lenin. 1921-24 ist Rosi Wolfstein Mitglied des Preußischen Landtages. 1929 wird sie als sogenannte "Rechtsabweichlerin" aus der KPD ausgeschlossen und schließt sich der Sozialistischen Arbeiterpartei an. Ihre Kritik an den Parteien und Ihr Engagement für das gemeinsame Handeln der Arbeiterparteien, um den Faschismus abzuwehren, lassen sie zunehmend zwischen die starren Fronten geraten; Kritiker sind leider nirgends beliebt.

    Lange bevor die Nazis sie ins Exil treiben, ist sie – wie viele mit ihr – von den wichtigsten Organisationen der Arbeiterbewegung, SPD und KPD, isoliert.

    Leider waren, wie wir heute wissen, Warnungen, Mahnungen und Aufforderungen zum gemeisamen Handeln vergeblich. Dem Faschismus stand keine aktive, zielklar und gemeinsam handelnde Arbeiterbewegung gegenüber. Die Dinge nahmen ihren Lauf.

    • 1933 flüchtet Rosi Wolfstein nach Belgien, dann nach Paris.
    • 1936 ruft sie noch in großer Hoffnung zur Bildung einer Volksfront in Deutschland auf.
    • 1939 teilt sie das Schicksal vieler Antifaschisten in Frankreich, sie wird verhaftet und in Lagern bei Marseille interniert.
    • 1941 kann sie sich den Faschisten entziehen und mit großer Mühe in die USA entkommen. Ihre Schwestern werden deportiert und kommen vermutlich in Auschwitz um.
    • 1951 kehrt sie in die BRD zurück, tritt der SPD bei, kann aber oder will keine größeren politischen Aufgaben mehr übernehmen. Hochbetagt stirbt sie 1987 in Frankfurt am Main.

    Die Verantwortung für die Zerstörung des Lebens auch dieser Sozialistin trägt der deutsche Faschismus. Nichtsdestoweniger ergeben sich aus dem Wirken und der speziellen politischen Biographie Rosi Wolfsteins heraus auch heute noch wesentliche Fragen an die großen und kleinen Parteien und Einzelpersönlichkeiten der Arbeiterbewegung über die Zeit von 1914 bis 1933. Denn die nicht ausreichende Verarbeitung von Inhalten und Hintergründen des eigenen Versagens lässt befürchten, dass das Denken und die Verhaltensweisen, die zu diesem Versagen geführt haben, in die heutige Zeit hinüberbefördert wurden:

    Hier muss auf die Unterschätzung des deutschen Militarismus in seinen Auswirkungen auf alle Lebensbereiche hingewiesen werden. Die zu geringe Achtung des Prinzips Verantwortung für die Entwicklung demokratischer Verhältnisse sei hier ebenfalls genannt. Der Phase großer Versäumnisse vor 1933 folgte leider eine Phase der Oberflächlichkeit und des Vergessens bezüglich der eigenen Geschichte nach 1945.

    War es das, was Rosi Wolfstein, deren Maxime es war, "alles kritisch nachprüfen", nach Kriegsende resignierend erkannte?

    40 Jahre nach Kriegsende wird von einer Schülergruppe das Außenlager des KZ-Buchenwald in Annen wiederentdeckt. Selten habe ich mich so sehr zufrieden wie auch zugleich tief beschämt gefühlt. Denn weist doch allein dieses Faktum unserer jüngeren Stadtgeschichte nicht nur auf Versäumnisse der Väter, sondern auch der Söhne. Es zeigt aber auch, daß mit der militärischen Befreiung vom Faschismus 1945 erst die Voraussetzungen für die geistige Befreiung danach geschaffen wurde und dass diese innere Befreiung und damit die Hinwendung zur Demokratie nur sehr eigenständig, aktiv und in einem langen Prozess zu erlangen ist.

    Der politische Lebensweg Rosi Wolfsteins mahnt sehr nachdrücklich, dem anderen zuzuhören, sich mit seiner Kritik gründlich zu befassen, ja sogar ihn in seinem Ringen um Selbständigkeit zu unterstützen. Es gibt mehrere Wahrheiten.

    Klaus–Peter Kieselbach, Witten

     

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    Letzte Änderung am 01.11.2006
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