|
|
7. Soziale Integration, kulturelle Assimilation und doch Wahrung einer eigenen Identität Der sozialen Mobilität der Wittener Juden waren enge Grenzen gesetzt: Zwar gelang es ihnen innerhalb weniger Jahrzehnte, Kapital in einem Umfang zu erwerben, der es ihrer Gemeinde erlaubte, eine eigene Schule samt Lehrer zu unterhalten, eine Synagoge zu errichten, kurz: ein entwickeltes kulturelles und religiöses Gemeindeleben zu etablieren. Doch den Aufstieg in die industrielle Führungsschicht schafften sie nicht. So verharrten die jüdischen Kaufleute Wittens in traditionellen Branchen: dem Handel mit Nahrungsmitteln, Textilien und Kleidern. Kulturell trachtete die Mehrheit der Wittener Juden nach Assimilation an das protestantische Bürgertum. Ostwalds Abneigung gegen die Ostjuden und die jiddische Sprache, auch gegen die Orthodoxie und die Unbildung, lassen das Ziel der Assimilierungsbestrebungen deutlich werden: die Angleichung der äußeren Merkmale, vor allem der Sprache, der Kleidung, der Gewohnheiten oder der Vornamen. Dennoch bewahrten sich die Wittener Juden wesentliche Elemente einer eigenständigen Subkultur: die jüdische Schule, das jüdische Vereinswesen, aber auch der hohe Stellenwert der Mädchenbildung. Zwei weitere Elemente sprechen ebenfalls gegen die Überbetonung der Assimilierungsthese: Zum einen suchten sich die Wittener Juden weiterhin überwiegend jüdische Ehepartnerinnen und Ehepartner, zum anderen kam es abgesehen von der Orthodoxie selten zu Austritten aus der Synagogengemeinde oder zu Übertritten in andere Religionsgemeinschaften.
Die Wittener Juden als Gruppe assimilierten sich also keineswegs, da sie nicht bereit waren, sämtliche spezifisch jüdischen Merkmale aufzugeben. Vielmehr glichen sie sich dem protestantischen Bürgertum an, indem sie bürgerliche Attribute wie repräsentatives Wohnen und die hohe Wertschätzung der Bildung übernahmen. Sie behielten aber wesentliche Elemente einer eigenen Subkultur. Da die Wittener jüdische Gemeinde erst seit kurzer Zeit bestand und ihre Mitglieder unterschiedlichen, vor allem aber ländlich-agrarischen Herkunftsmilieus entstammten, bot die säkulare Ideologie (Trude Maurer) den Wittener Juden eine identitätsstiftende Basis für ihren Zusammenhalt in der neuen Umgebung. Zugleich waren die im Bürgertum aufgegangenen Wittener Juden, vor allem in Gestalt des Trägers ihrer Reform, Jacob Ostwald, daran beteiligt, der Moderne ihr spezifisch lokales Gepräge in einer entstehenden Stadt zu geben.
Vorheriges Kapitel · Zurück zur Einleitung · Nächstes Kapitel |
|
Mit freundlicher Unterstützung des Online-Forum e. V. |