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6. Antikatholizismus und Antisemitismus im Bürgertum

Der 1871 entstandene preußisch-deutsche Staat basierte auf den Prinzipien der Ausgrenzung (etwa der Österreicher) und, wenn dies nicht möglich war, der auf Marginalisierung zielenden Unversöhnlichkeit gegenüber gesellschaftlichen Gruppen: den Katholiken, den Sozialdemokraten, den Polen. Zur Herausbildung des katholischen Milieus beigetragen hatte die Repression seitens des Staates und der protestantischen Geistlichkeit im sogenannten "Kulturkampf". Die protestantischen Stadtoberen Wittens versuchten, ein Viertel der Bevölkerung auszugrenzen, ihm die Integration mitsamt der gesellschaftlichen und politischen Emanzipation zu verwehren. Deutlich wird diese Geringschätzung der Katholiken am Beispiel einiger Kircheneinweihungen: Erschienen bei der Einweihung der protestantischen Gedächtniskirche 1892 Magistrat und Stadtrat geschlossen, so waren bei der Einweihung des kleinen altkatholischen Gemeindehauses immerhin der Bürgermeister mit einigen Mitgliedern des Magistrats und des Stadtrats anwesend. Als aber 1896 die neue katholische Pfarrkirche eingeweiht wurde, nahm kein städtischer Vertreter daran teil. Zur Grundsteinlegung der Synagoge jedoch erschienen neben den am Bau beteiligten Unternehmern der Architekt und der Bürgermeister, an der Einweihung 1885 nahmen "Vertreter des Magistrats- und des Stadtverordneten-Collegiums sowie zahlreiche Bürger aus beiden [sic!] Confessionen und aller Stände" teil. Antisemitismus also ließ sich hieran keineswegs ablesen.


Königsplatz (heute Karl-Marx-Platz) mit Statue der Germania, im Hintergrund die Turmkuppel der Synagoge

Der Arzt Dr. Adolf König verkörperte in Witten und später auch darüber hinaus den organisierten Antisemitismus protestantischer Prägung. König war spätestens seit 1881 Mitglied der Stadtverordnetenversammlung und gründete 1886 den "Deutschen Verein für Witten und Umgegend", der es als seine "Hauptaufgabe (betrachtete), allen Mitbürgern in Witten und Umgegend, welche durch jüdischen oder nichtjüdischen Wucher und Betrug geschädigt sind, mit Rath und That beizustehen". Auf dessen Einladung hielt am 18. November 1886 der antisemitische Agitator und Hofprediger Adolf Stöcker eine Rede über "die Judenfrage in neutestamentlicher Bedeutung", in der er über die "nationalen Unterschiede zwischen Deutschen und Juden" referierte.

Zeitgleich mit der Ankündigung des Stoecker-Vortrags erschien ein von 87 Wittener Bürgern unterzeichneter Aufruf, an einer "allgemeinen Bürger-Versammlung" teilzunehmen, auf der eine "Resolution betreffs der antisemitischen Bewegung in Witten" verabschiedet werden solle. Die Resolution sah vor, einen "Verein gegen den Wucher" zu gründen. Dr. Beumer, Lehrer am Real-Gymnasium und Organisator der gegen die Antisemiten gerichteten Bewegung, versuchte auf mehreren Versammlungen die Argumente Stöckers und Königs dahingehend zu entkräften, daß er darauf insistierte, der Wucher sei nicht auf die Juden beschränkt, ihr Reichtum rühre aus ihrer Sparsamkeit, und gegen ihre mangelnde Verankerung im Handwerk gäbe es Bestrebungen. Gleichzeitig nahm die Resolution entschieden Stellung gegen die "Art und Weise der Agitation der hiesigen Antisemiten", man befürchtete die "Störung des Friedens in der Bürgerschaft".

Die antisemitische Bewegung blieb in Witten politisch relativ schwach. Nur bei den Reichstagswahlen 1890 erhielt sie 14,0% der Stimmen von früheren Wählern der Nationalliberalen. Vermutlich lag ihr Erfolg in der Person Königs begründet. Es gelang der Bewegung, einen Teil der Unzufriedenheit breiter sozialer Schichten angesichts der massiven wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen unter der Fahne des Antisemitismus zu vereinen. Daß sich die antisemitische Bewegung nicht gleichmäßig über das Stadtgebiet verteilte, zeigt sich an dem Ausspruch eines Witteners, der Jacob Ostwald eine Wohnung auf der mittleren Bahnhofstraße unweit der Zeche Franziska mit den Worten anbot: "Zieh zu uns und Du wirst weit weg vom Antisemitismus sein, obgleich nicht weit vom Kohlenstaub!" Dennoch fiel gerade hier, in den eher bürgerlichen Vierteln der Stadt, der Wahlerfolg der Antisemiten bei der Reichstagswahl 1890 besonders deutlich aus: Die Hochburgen der Nationalliberalen fielen mit denen der der Antisemiten zusammen.


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