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3. Die Synagoge zwischen Reform und Orthodoxie

Dem Real-Gymnasium unmittelbar benachbart erbaute die jüdische Gemeinde 1884/85 ihre Synagoge. Der nicht zur Ausführung gelangte Entwurf zum Bau einer neuen Synagoge aus dem Jahre 1870 unterscheidet sich in einigen wesentlichen Punkten von dem 1884/85 verwirklichten Plan. Und gerade weil die Formensprache der Synagogenarchitektur nur wenig von religiösen Traditionen beinflußt wird, ist sie immer auch ein Ort der Selbstdarstellung der jeweiligen jüdischen Gemeinde in ihrer konkreten historischen Umgebung. Somit erlaubt sie es, Rückschlüsse auf die Situation der Juden in ihrer Zeit zu ziehen.


Unverwirklichter Entwurf der Synagoge, Nordstraße, östlicher Giebel (1870)

Der Entwurf von 1870 verweist auf den maurischen Stil, der die wachsende Freiheit der Juden innerhalb einer christlichen Gesellschaft betonte: Je auffallender die Bauformen, desto stärker betonten sie die Gleichberechtigung von Juden und Christen. Getrennte Eingänge für Männer und Frauen und zentrale Anordnung des Pultes lassen auf eine nichtreformierte Synagogengemeinde schließen. Der Entwurf von 1884 spielte auf die zeitgenössische Architektur etwa von Rathäusern an. Über nach Geschlechtern getrennte Eingänge verfügte die Synagoge nicht mehr, offensichtlich war die Gemeinde bereits vom Reformgedanken erfaßt worden.

In jedem Fall aber hatten innerhalb der jüdischen Gemeinde deutliche Veränderungen stattgefunden, von denen auch die innere Ausgestaltung der Gottesdienste kündete: Schon im alten Betsaal hatte die Gemeinde 1879 damit begonnen, einen gemischten Chor, der gleichermaßen hebräische und deutsche Lieder sang, zu bilden, ein Jahr darauf schaffte sie ein Harmonium an, und 1881 schließlich reformierte sie den Gottesdienst selbst. In der von der Gemeinde anläßlich der Grundsteinlegung zur neuen Synagoge verfaßten Urkunde über ihre Geschichte verwies man voll Stolz darauf, "daß der lieben deutschen Muttersprache beim Gottesdienste mehr Eingang verschafft wurde". Der in Witten gebürtige Isi Kahn, Sohn des 1879 aus der jüdischen Gemeinde ausgeschiedenen Samuel oder Salomon Kahn, führt aus orthodoxer Sicht gerade diese Neuerungen als Ausdruck "der absoluten Anpassung an die Umgebung" an. Tatsächlich gleicht die reformierte Wittener Synagoge in vielen Zügen einer protestantischen Kirche, die jüdische Liturgie der protestantischen.

Es standen sich zwei grundsätzlich voneinander abweichende Strömungen innerhalb des Judentums gegenüber: die reformierte, der in Witten wie auch in Westfalen die Mehrheit der Juden angehörte, und die orthodoxe Strömung, die von Isi Kahns Vater Samuel begründet wurde.


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