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2. Schulwesen und Bildungsverhalten

Wenn das Steueraufkommen der Wittener Juden rasch anstieg, so erhöhten sich gleichermaßen die ihrer Gemeinde zur Verfügung stehenden Finanzmittel. Dies schlägt sich nieder in dem Versuch, ein ihr angemessenes Gotteshaus zu errichten und ihre Kinder im jüdischen Glauben zu erziehen. Schon seit 1848 wurden die Gottesdienste in angemieteten Räumen im alten Dorfkern abgehalten. Zur Finanzierung der Inneneinrichtung des Betsaales bat die Gemeinde in Zeitungsaufrufen die Wittener Öffentlichkeit um Spenden, indem sie an "die Humanität und Toleranz der hiesigen Mitbürger" appellierte. 1860 schließlich erwarb sie das Gebäude.

1863 suchte die Synagogengemeinde einen neuen Kantor und Lehrer und wandte sich an die Marks-Haindorf-Stiftung in Münster, die als Zentrum des reformierten Judentums in Westfalen galt. Sie vermittelte die Stellung dem aus Ostwestfalen stammenden Jacob Ostwald, der als ambitionierter Vertreter der jüdischen Reformbewegung schon bald eine herausgehobene Stellung innerhalb der Wittener jüdischen Gemeinde einnahm. Durch und durch überzeugt von der Idee des Liberalismus sah er seine Aufgabe darin, die jüdische Gemeinde allmählich umzuerziehen. Bildung, aber auch Sekundärtugenden wie Sauberkeit und Ordnung und die Assimilation der Juden an ihre christliche Umwelt spielten dabei eine herausragende Rolle.


Jacob Ostwald (1938–1930), Lehrer und Kantor der jüdischen Gemeinde

Weil die Gemeinde rasch anwuchs, wurde ihr der Betsaal bald zu klein. Daher erbaute sie ein Schulhaus mit Lehrerwohnung und Betsaal, das gemäß einer Vereinbarung mit dem Magistrat in eine öffentliche Volksschule umgewandelt werden sollte. Nachdem die Stadt 1884 das Mietverhältnis mit der jüdischen Gemeinde aufgekündigt hatte, verhandelte die jüdische Gemeinde unmittelbar darauf über den Ankauf eines neuen Grundstückes gegenüber des Real-Gymnasiums, um darauf eine Synagoge zu errichten.

Auf den ersten Blick könnte man in dem Verhalten der Stadt eine bewußte Ausgrenzung oder Verdrängung jüdischer Einrichtungen aus dem neuen bürgerlich-protestantischen Stadtviertel sehen, zumal die Stadt alternative Angebote der jüdischen Gemeinde betreffend die Unterbringung der jüdischen Volksschule ausschlug. Ursache der Verlegung der jüdischen Schule dürften aber vielmehr die stark gesunkenen Schülerzahlen gewesen sein, während es gleichzeitig an geeigneten Räumlichkeiten für eine höhere Bildungsstätte für Mädchen mangelte, zumal auch jüdische Schüler nach Absolvierung der jüdischen Volksschule die höheren Bildungsstätten besuchten. An den städtischen Schulstatistiken zeigt sich, welch hohen Stellenwert die Wittener Juden der höheren Mädchenbildung beimaßen. Bezieht man ferner mit ein, daß Jacob Ostwald seit 1872 am Real-Gymnasium und seit 1878 auch an der höheren Töchterschule jüdischen Religionsunterricht erteilte, und daß 1880 der Magistrat der Stadt Witten eine Satzungsänderung für das Real-Gymnasium beschloß, nach der die Schule nicht länger einen "evangelischen Charakter" tragen sollte, so erscheint die Bildungspolitik der Stadt zumindest gegenüber den Juden nicht ausgrenzend, sondern vielmehr liberal und überkonfessionell, auf die Teilhabe der Juden an den Bildungseinrichtungen des liberalen Bürgertums gerichtet.


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