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"weit weg vom Antisemitismus, obgleich nicht weit vom Kohlenstaub." Am 20. März 1885 legte die jüdische Gemeinde in Witten den Grundstein ihrer Synagoge und gab in einer Urkunde über ihre Geschichte ihrer Hoffnung Ausdruck, daß "dieser Bau, in so edler Absicht begonnen, auch den spätesten Geschlechtern zum Segen gereichen" möge. Zeitpunkt und Ort waren mit Bedacht gewählt. Anlaß war der 88. Geburtstag des Hohenzollernkaisers Wilhelm I. Und die Synagoge sollte vis-à-vis zum Real-Gymnasium in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem neuen, bürgerlichen Stadtviertel Wittens zwischen dem alten Dorfkern und der zukunftsweisenden Eisenbahn erstehen.
In dem halben Jahrhundert zwischen der Anbindung Wittens an das Eisenbahnzeitalter und der Jahrhundertmitte lagen Chancen und Risiken des jüdischen Emanzipationsprozesses dicht beieinander. Waren den preußischen Juden seit 1847 keine wirtschaftlichen Hemmnisse mehr auferlegt, so nutzten sie ihre im Handel erworbene "generationenlange Erfahrung und geschäftlichen Verbindungen" (Avraham Barkai), um in der jungen Stadt ökonomisch Fuß zu fassen. Während der Konjunktur der 1850er und 1860er Jahre richteten sie sich im Einzelhandel ein, und häufig gelang bereits der ersten Generation der Aufstieg vom Kleinhändler in die gehobene Kaufmannsschicht. Sie ließen sich dauerhaft nieder, erwarben oder erbauten Häuser, waren aber auch bereit, wenn sie noch jung und ökonomisch nicht wie erhofft erfolgreich waren, in größere Orte, in die Handels- und Finanzzentren Deutschlands, in die Zentren des deutschen Judentums überzusiedeln. In dieser Skizze soll anhand der wenigen Bruchstücke des Wissens über die Wittener jüdische Gemeinde, das sich insbesondere in städtischen Akten, in Tageszeitungen und den erst kürzlich wieder aufgefundenen Erinnerungen des Kantors und Lehrers Jacob Ostwald niederschlägt, der Emanzipationsprozeß in einer überwiegend protestantischen und nationalliberal dominierten Stadt, die sich ihrerseits in einem rasanten Prozeß der Industrialisierung befand, rekonstruiert werden.
Kapitel: 1. Berufsstruktur Von Händlern zu Kaufleuten |
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