Dieser Artikel stützt sich vor allem auf Materialien aus den Beständen des Wittener Stadtarchivs: aus städtischen Akten und Artikeln der Zeitungssammlung. Die Fotos sind der Fotosammlung des Märkisches Museums Witten (Foto Königsplatz) und den Beständen des Stadtarchivs (alle übrigen) entnommen. Die Reproduktionen fertigte Udo Hennenhöfer (Grafik-Designer BDG), Witten, an.

Anmerkung: Die schlechtere Qualität der Abbildungen im Buch ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, daß die Klartext-Produktion von den ihr auf CD-ROM zur Verfügung gestellten Bilddateien keinen Gebrauch gemacht hat, sondern von Fotokopien ausgegangen ist.

Es handelt sich um einen stark gekürzten Text, der vollständig mit ausführlichen Quellenangaben und Literaturhinweisen in dem folgenden Sammelband im Klartext-Verlag Essen erschienen ist:

Juden im Ruhrgebiet. Vom Zeitalter der Aufklärung bis in die Gegenwart, herausgegeben von Jan-Pieter Barbian, Michael Brocke und Ludger Heid, Essen 1999, 636 Seiten, Abbildungen, Festeinband, 58,- DM, ISBN 3-88474-694-4.




Frank Ahland

"weit weg vom Antisemitismus, obgleich nicht weit vom Kohlenstaub."
Probleme der Integration der Wittener Juden im Kaiserreich

Am 20. März 1885 legte die jüdische Gemeinde in Witten den Grundstein ihrer Synagoge und gab in einer Urkunde über ihre Geschichte ihrer Hoffnung Ausdruck, daß "dieser Bau, in so edler Absicht begonnen, auch den spätesten Geschlechtern zum Segen gereichen" möge. Zeitpunkt und Ort waren mit Bedacht gewählt. Anlaß war der 88. Geburtstag des Hohenzollernkaisers Wilhelm I. Und die Synagoge sollte vis-à-vis zum Real-Gymnasium in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem neuen, bürgerlichen Stadtviertel Wittens zwischen dem alten Dorfkern und der zukunftsweisenden Eisenbahn erstehen.


Synagoge und Realgymnasium, Breitestraße/Kurzestraße (heute Synagogenstraße)

In dem halben Jahrhundert zwischen der Anbindung Wittens an das Eisenbahnzeitalter und der Jahrhundertmitte lagen Chancen und Risiken des jüdischen Emanzipationsprozesses dicht beieinander. Waren den preußischen Juden seit 1847 keine wirtschaftlichen Hemmnisse mehr auferlegt, so nutzten sie ihre im Handel erworbene "generationenlange Erfahrung und geschäftlichen Verbindungen" (Avraham Barkai), um in der jungen Stadt ökonomisch Fuß zu fassen. Während der Konjunktur der 1850er und 1860er Jahre richteten sie sich im Einzelhandel ein, und häufig gelang bereits der ersten Generation der Aufstieg vom Kleinhändler in die gehobene Kaufmannsschicht. Sie ließen sich dauerhaft nieder, erwarben oder erbauten Häuser, waren aber auch bereit, wenn sie noch jung und ökonomisch nicht wie erhofft erfolgreich waren, in größere Orte, in die Handels- und Finanzzentren Deutschlands, in die Zentren des deutschen Judentums überzusiedeln.

In dieser Skizze soll anhand der wenigen Bruchstücke des Wissens über die Wittener jüdische Gemeinde, das sich insbesondere in städtischen Akten, in Tageszeitungen und den erst kürzlich wieder aufgefundenen Erinnerungen des Kantors und Lehrers Jacob Ostwald niederschlägt, der Emanzipationsprozeß in einer überwiegend protestantischen und nationalliberal dominierten Stadt, die sich ihrerseits in einem rasanten Prozeß der Industrialisierung befand, rekonstruiert werden.


Kapitel:

1. Berufsstruktur – Von Händlern zu Kaufleuten
2. Schulwesen und Bildungsverhalten
3. Die Synagoge zwischen Reform und Orthodoxie
4. Die jüdische Gemeinde zwischen Repräsentation und Apathie
5. Juden in der lokalen Gesellschaft
6. Antikatholizismus und Antisemitismus im Bürgertum
7. Soziale Integration, kulturelle Assimilation – und doch Wahrung einer eigenen Identität


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